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Kinder- und Jugendtheater in NRW – Das Modell?

(2010)
Wolfgang Schneider im Gespräch
mit Bettina Milz, Wolfgang Hoffmann und Christian Esch

Welche Rolle spielt das Theater für Kinder und Jugendliche in NRW?

Milz:
NRW hat die größte und spannendste, lebendigste und vielfältigste Theaterlandschaft, was das Kinder- und Jugendtheater angeht. Einmalig ist zudem das ausgesprochen kollegiale und solidarische Verhältnis zwischen den freien Gruppen und den kommunalen Kinder- und Jugendtheatern – organisiert in dem gemeinsamen Arbeitskreis der Kinder und Jugendtheater in NRW. Dieser Arbeitskreis veranstaltet auch jedes Jahr das große Kinder- und Jugendtheater-Festival. Das ist eine wirklich ungewöhnliche Geschichte, in Deutschland in dieser Form einmalig. Es gibt hier herausragende Künstler in einem Spektrum von Tanz über Figurentheater, Schauspiel, Musiktheater und interdisziplinäre Zwischenformate. Daneben gibt es ein sehr großes Engagement der Kinder- und Jugendtheater im Bereich der kulturellen Bildung und in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Ist das Kinder- und Jugendtheater qualitativ anders bzw. besser oder ist es einfach nur mehr, weil NRW ein sehr verdichtetes Land mit sehr viel Angebot und Nachfrage ist?

Milz: Pionierleistungen hat es immer wieder gegeben hat. Dies gründet zum einen auf der geografischen Nähe zu den Niederlanden, die sich auch insbesondere in den Stücken und Themen spiegelt, weil z.B. spannende Autoren wie Ad de Bont oder andere ganz früh hier in NRW entdeckt worden sind. Das Aufspüren von guten Texten ist ein ganz großes Thema für das Kinder- und Jugendtheater. Zudem gab es Pioniere wie die »Monteure«, die sehr früh in Richtung Tanz, Bewegung und Musiktheater gegangen sind – zu einem Zeitpunkt, als das auch noch keine Selbstverständlichkeit war. Es gibt einen Pionier wie das Helios-Theater, das Theater für die Allerkleinsten macht, für Kinder ab 2 Jahren, und in diesem Bereich international vernetzt ist. Es arbeitet wissenschaftlich, künstlerisch und veranstaltet auch ein eigenes Festival. Das Besondere ist vielleicht die ständige Erweiterung des Begriffs Kinder- und Jugendtheater, der sich durch die Erprobung und Entdeckung neuer Formen verändert und entwickelt. Ein aktuelles Beispiel hierfür liefert das Projekt Take-Off im Rahmen von Tanzplan Deutschland. Dort entstehen momentan im Bereich des zeitgenössischen Tanzes viele gute Produktionen für Kinder.

Welche Rolle spielt das Kinder- und Jugendtheater in den Städten und welche Ziele verfolgt das Kultursekretariats für das Kinder- und Jugendtheater?

Esch: Wir arbeiten mit den Städten und dem Partner-Kultursekretariat in Gütersloh, speziell aber mit den jeweiligen Veranstaltern zusammen, mit denen wir gemeinsam das Kindertheater des Monats gestalten. Dies ist eines der ältesten Programme des Kultursekretariats überhaupt, dessen Fördereinsatz stetig erhöht wird, weil es zunehmende Schwierigkeiten bei Veranstaltungen im Bereich des Kindertheaters gibt. Problematisch gestaltet es sich speziell, größer besetzte Kinder- und Jugendtheaterproduktionen einzuladen. Daher müssen wir im Moment besonders darauf achten, diese Veranstaltungen zu sichern. Über das Kindertheater des Monats hinaus haben wir verschiedene andere Projekte geplant oder auch schon umgesetzt, die Kinder- und Jugendtheater integrieren, z.B. bei den Impulsen oder beim Auftrittsnetzwerk Favoriten. Daneben haben wir auch das Kinder- und Jugendtheater-Festival Halbstark in Münster etabliert, das dieses Jahr im Herbst erstmalig stattfinden wird und speziell die sogenannte Lückenkinder, also 9–13-jährige, ansprechen soll. Hier findet, wie im
NRW KULTURsekretariat auch in anderen Bereichen, eine starke Zusammenarbeit mit den Niederlanden statt, die wichtige Impulse liefert. Die Leiterin, Silvia Andringa, ist nicht zufällig auserkoren worden, wodurch wir uns hier Synergie-Effekte versprechen. In den Städten ist die Haushaltssituation also insgesamt schwierig, aber das Kinder- und Jugendtheater wollen und müssen wir in jedem Fall bewahren und aufrechterhalten, gerade unter Berücksichtigung seines hier vorhandenen Reichtums.

Welche Philosophie steckt hinter dem System Kindertheater des Monats?

Esch: Die Philosophie besteht zunächst einmal in der Kooperation und Zusammenarbeit der Veranstalter und Programmierer. Es gibt ein Gremium, in dem die Programme zusammen entwickelt werden. Eine Dramaturgin sichtet und macht Vorschläge, die auf Entwicklungen in der Theater-Szene NRW und darüber hinaus basieren. Die Vorschläge werden besprochen und auch im Hinblick auf ihre Tauglichkeit für potenzielle Aufführungen beurteilt. Der Schwerpunkt dieses Netzwerks liegt also auf der gemeinsamen Projekt-Entwicklung, die unter der Berücksichtigung pragmatischer und künstlerischer Kriterien erörtert, was möglich ist und was eben nicht. Die Marge für künstlerische Akzente wird selbstverständlich nicht größer, wenn die Möglichkeiten für die Einladung auswärtiger Künstler kleiner werden.

Kinder- und Jugendtheater braucht Förderung

Herr Hoffmann, Sie haben beim 25. Festival der Kinder- und Jugendtheater 2009 in Castrop-Rauxel gesagt, das Kindertheater sei mehr als Literatur- und Märchentheater. Verbirgt sich dahinter auch eine gewisse Kulturpolitik, dieses »Mehr« zu fördern oder besteht die Vielfalt gerade darin, dass es auch Literatur- und Märchentheater ist?


Hoffmann: Wir wollen dieses »Mehr« unbedingt fördern, und speziell seit Mitte der 1990er-Jahre haben wir einen Förderschwerpunkt auf den Bereich des Kinder- und Jugendtheaters gelegt, der parallel zum Förderschwerpunkt im Bereich Tanz gesetzt wurde. Neben der Förderung guten Kinder- und Jugendtheaters war uns vor allem wichtig, Kinder und Jugendlichen ein auf ihre Altersgruppe zugeschnittenes Theaterprogramm anzubieten. Wir sind der Meinung, dass jede Gruppe von Menschen, also auch die Kinder und Jugendlichen einen Anspruch auf eine künstlerisch anspruchsvolle, altersgemäße Bearbeitung ihrer Umwelt haben. Ich glaube, dass wir hier einfach einen Gedankenansatz aufgenommen haben, der schon sehr virulent in der nordrhein-westfälischen Theaterszene vorhanden war und den wir nun durch unsere Förderpolitik noch stärker ausgebaut haben.  

Auf dem gleichen Festival hat Ihr Staatssekretär, Frau Milz, gesagt, es ginge auch um die weitere Stärkung des Kinder- und Jugendtheaters. Was gilt es zu stärken und mit welchen Mitteln?

Milz: Wir investieren hier, im Bundesvergleich betrachtet, erhebliche Mittel. Im Bereich der freien Kinder- und Jugendtheater, die mit Planungssicherheit institutionell gefördert werden, sind es 630.000 Euro. Die kommunalen Kinder- und Jugendtheater erhalten etwa 1,4 Millionen Euro und im Bereich der Festivals und der einzelnen, innovativen Projekte sind es nochmal etwa 500.000 Euro, je nach Antragslage. Die institutionelle Förderung von Kinder- und Jugendtheatern erweitern wir momentan. Speziell kleinere Theater konnten hierdurch stabilisiert werden, die zum Teil auch in kleineren Orten und ländlichen Gegenden liegen. Diese Theater zeichnen sich neben der regen Gastspieltätigkeit insbesondere durch ihre lokale Verankerung aus. Neben dem Bereich Schauspiel gibt es speziell für die Segmente Tanz und Musik neue Förderprogramme. U.a. haben wir z.B. am Tanzhaus des Modellprojekt take off im Rahmen von Tanzplan Deutschland, das auch 2010 fortgeführt werden soll. Immer mehr Choreographen arbeiten mit Jugendlichen und für Jugendliche. Das generationsübergreifende Projekt Zeitsprung in Bielefeld wird gerade in die Konzeptionsförderung übernommen. Fast alle Festivals wie Favoriten in Dortmund oder Impulse machen auch ein sehr gutes Programmangebot für junge Menschen. Dazu kommt die Förderung der Landestheater, die gerade in diesem Bereich ihre Spielpläne sehr stark profiliert haben. Wir versuchen die Aktivitäten der freien und kommunalen Theaterszene in unserem Rahmen zu stabilisieren, um dadurch auch langfristige Planungssicherheiten zu geben. Viele der spannenden Projektanträge haben aktuelle Themen: Die Theater erkunden den urbanen Raum, unsere Parallelgesellschaften, sie suchen das junge, manchmal doch zunächst »theaterferne« Publikum auf. Und stellen fest, wie schnell eine Begeisterung da ist. Für uns stehen hier Projekte im Vordergrund, die jetzt und heute spannende Erlebnisse für Kinder und Jugendliche schaffen, um genau dadurch für das Publikum von morgen zu sorgen.
Hoffmann: Wir leiden in NRW ja ein wenig unter dem Ruf, keine Repräsentations- oder Staatskultur zu haben, und in der Tat haben wir keine Staatstheater. Beim Kinder- und Jugendtheater zeigt sich allerdings in besonderer Art und Weise, wie diese Differenziertheit und Vielfalt – das Aufgreifen von lokalen und strukturellen Initiativen – zu einem blühenden Leben entwickelt werden kann. Mich freut sehr, dass diese Lebendigkeit auch bundesweit wahrgenommen wird. Diese Struktur ermöglicht die von Bettina Milz erwähnte Entdeckung von Pionierleistungen in besonderem Maße.

Die Expertenkommission KunstNRW hat den Vorschlag zur Gründung eines Staatstheaters gemacht. Die Antwort der Landesregierung war: NRW braucht kein Staatstheater NRW. Aber im Zusammenhang mit Kinder- und Jugendtheater wäre es ja vielleicht interessant zu fragen, ob nicht ein zusätzliches Programm aufgelegt werden sollte. Gerade jetzt, wo die Kassen der Kommunen zunehmend klamm werden. Nicht alles ist in NRW erfunden worden – interessant wäre ja eine Überlegung, die in Baden-Württemberg ihren Ursprung hat: Jede Stadt, die ein Kinder- und Jugendtheater einrichtet, bekommt vom Land dauerhaft 40% Zuschüsse. Diese Regelung hat dort in den 1980er Jahren zu zahlreichen Neugründungen geführt. Wäre das, unabhängig davon, ob die Finanzmittel tatsächlich von der Politik zur Verfügung gestellt würden, ein Fördermodell, das zur geplanten Stärkung dieses Bereichs genutzt werden könnte?

Milz: Die Gesetze, die in Baden-Württemberg gemacht wurden, um insgesamt zur Stabilität der Finanzierungsverteilung zwischen Stadt und Land beizutragen, sind natürlich gut – wir sind in NRW da weit von entfernt. Es gibt auch bei uns Überlegungen, wie man die Theater insgesamt weiter stabilisieren kann, aber wir haben im Moment im Kinder- und Jugendbereich eine sehr gezielte Förderpolitik mit individuellen Modellen. In einzelnen Fällen zahlen wir weitaus mehr als die Kommune, wenn wir sehen, dass es sich um Theater handelt, die landesweit unterwegs sind.
Hoffmann: Also, jedes Geld, das zusätzlich für den Kinder und Jugendtheaterbereich aufgewendet werden kann, ist natürlich gut, aber man sollte erstens realistisch bleiben und zweitens die Vorteile, die man hat, nicht verspielen. Was ich gerade zu sagen versucht habe ist, dass die Bewegung der Theater von unten zu sehr fruchtbaren und vorzeigbaren Ergebnissen geführt hat und weniger eine pauschale, mit Prozentsätzen arbeitende Förderpolitik. In keinem Förderungsbereich in NRW gibt es eine prozentuale Aufgliederung in der Förderpolitik zwischen Stadt und Land. Wenn wir im Kinder- und Jugendtheater jetzt damit anfangen, dann entsteht eine gewisse Schieflage. Unsere erzielten Erfolge basieren gerade auf dieser differenzierten und individuellen Förderpolitik. Und wie Bettina Milz gesagt hat, es gibt Kommunen, in denen das Land im freien Bereich erheblich mehr Fördermittel aufwendet als die Kommune. Es gibt auch den anderen Fall oder auch Kommunen, in denen die Aufteilung etwa 50:50 ist. Aber gerade auf einzelne Theater bezogen, gibt es ein sehr großes Engagement des Landes, wenn ein aus Landessicht und aus Sicht der Kulturförderung sehr interessanter Ansatz vorliegt. Einige Theater würden gar nicht existieren, wenn wir nicht den Mut gehabt hätten, diesen Weg konsequent zu verfolgen.
Esch: Auch das Kultursekretariat, das ja mit Mitteln vom Land ausgestattet ist, wird dieses Jahr 110.000 Euro in Kinder- und Jugendtheater investieren. Das ist ein gutes Zehntel der zur Verfügung stehenden Gesamtetats. Wir fragen uns zudem: Wie können wir Kinder- und Jugendtheater auch für die Menschen öffnen, die diese städtische Gesellschaft immer mehr prägen, d.h. für die Einwanderer und deren Kinder. Das ist eine Frage, die ich mir schon lange stelle und auf die ich noch keine Antwort gefunden habe. Wir müssen hier noch erfindungsreicher werden, was die Ansprache – nicht als Nische, aber eben doch als integrierende Ansprache – betrifft, um diese Einwanderungsgesellschaft im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters lebendig und attraktiv werden zu lassen. Um so eben auch das Publikum von morgen in seinem entsprechenden Mischungsverhältnis zu erreichen.  
Milz: Auch auf diesem Feld fungiert das Kinder- und Jugendtheater als Pionier, weil es sich diesem Thema seit Jahren widmet. Hier sind einige ganz spannende Produktionen entstanden. Fördermöglichkeiten gibt es auch im Bereich der interkulturellen Kulturarbeit. Der Erfolg beruht wahrscheinlich auch auf der Tatsache, dass sich das Kinder- und Jugendtheater im Vergleich zum Erwachsenentheater noch viel mehr mit dem real existierenden Publikum, das z.B. über Schulklassen oder Kindergärten zu ihnen kommt, auseinandersetzen muss. Die Theater kommen an diesem Thema also gar nicht vorbei, also können sie sich auch mit Lust damit auseinandersetzen.
Esch: Ich sage das bewusst selbstkritisch, z.B. in Bezug auf unser gemeinsam mit dem Kultursekretariat in Gütersloh veranstaltetes Kindertheater des Monats. Wenn ich mir hier die Auswahl ansehe, finde ich diese Thematik nicht wahnsinnig überrepräsentiert, um es vorsichtig auszudrücken. Man muss hier neue Wege finden, das zu verstärken.
Milz: Aus den Gesprächen mit den Kinder- und Jugendtheatern wird sehr deutlich, dass die derzeitige Finanzkrise und schwierige Situation der Kommunen sich auf die Gastspieltätigkeit und Angebote auswirkt. Im Rahmen der regional Kulturpolitik, die in die von mir genannten Zahlen noch gar nicht einbezogen ist, versuchen wir, zur Gründung von Netzwerken zu ermutigen. Ich denke, dass es eine Aufgabe in der nächsten Zeit sein wird, das Bewusstsein für die herausragenden regionalen Produktionen zu wecken und Kommunen bei der Auswahl zu beraten. Eine Forderung der Kinder- und Jugendtheater war beispielweise ganz banal, die Fahrtkosten zu unterstützen, weil das zunehmend ein Problem für Schulen und Kindergärten darstellt. In Düsseldorf gibt es das Projekt Theater.Fieber, das Schulkindern ermöglicht, einmal im Jahr ins Theater zu gehen. Gerade heute sollte man die Funktion der Multiplikatoren, Netzwerker und Berater weiter entwickeln. Begeisterte Lehrer sind extrem wichtig, um Jugendlichen den Weg ins Theater zu öffnen.

Kinder- und Jugendtheater braucht die Kooperation mit der Schule


Wie sind da Ihre Erfahrungen, was das Verhältnis Theater und Schule betrifft? Es gibt das Landesprogramm Kultur und Schule, aber es gab und gibt auch eine Ministerin, die den Theaterbesuch als »Unterrichtsausfall« tituliert hat. Ist da ein Zusammenkommen denkbar, d.h. das Theater als kulturelle Bildung verstanden wird und sich somit auch curricular im Schulalltag niederschlägt?

Hoffmann: Wir stehen da noch am Anfang. Sicherlich können, sollen und müssen beide Bereiche noch enger zusammenfinden und es gilt die Frage zu beantworten: Wie kommen wir dahin? Ich meine auch hier, dass es nur von unten geht, durch Aktivitäten der Theater und Schulen, die dann von den Städten und vom Land entsprechend gefördert werden. Das ist natürlich immer ein finanzielles Problem, aber auch eine Frage des Problembewusstseins. Generelle Flächenentwicklungs-Pläne, wie z.B. der Gesichtspunkt, dass ein Kind zweimal pro Jahr eine professionelle Theatervorführung sehen soll, überfordern die Länder hoffnungslos. Es ist aber durchaus möglich, dass eine Kommune so etwas für ihren Bereich macht und dann vom Land mit entsprechenden, zusätzlichen Mitteln unterstützt wird. Die Kommune müsste hier einen Konzeptentwurf vorlegen, der dann mit dem Land in eine Förderpolitik gebracht wird. Aber noch besser ist es, wenn, wie im Beispiel Theater.Fieber, Kooperationen zwischen den Schulen und Theatern stattfinden, aus denen sich dann bestimmte Förderungen entwickeln. Das ist viel besser als ein genereller Erlass, der festlegen will, dass jedes Kind dann und dann ins Theater gehen soll und das Land so und so viel dafür zahlen muss, um dies zu ermöglichen. Solche Projekte könnten ggf. auch Vorbildcharakter für andere haben und mit zusätzlichen finanziellen Anreizen versehen werden.

Der Staatssekretär für Kultur ist in einer Rede, in der es um das Verhältnis zwischen Schule und Theater ging, sogar so weit gegangen, zu propagieren, Kinder- und Jugendtheater könnte dazu beitragen, Schule zu verändern. Welche Angebote könnte es auf der Landesebene für die Bildungsinstitutionen geben?

Milz: Ich glaube, dass die Projektarbeit im Theater eine ausgezeichnete Möglichkeit ist, in der Schule eine andere Form des Lernens zu integrieren. Kulturelle Bildung ist unter Hans-Heinrich Grosse Brockhoff klares Schwerpunktthema der Landesregierung. Wir haben das große interdisziplinäre Modellprojekt Kultur und Schule, das jetzt seit fünf Jahren eine einmalige Förderstruktur für kulturelle Bildung aufgebaut hat. Kommunale Gesamtkonzepte werden darüber hinaus ausgezeichnet. Im Rahmen des Pionierprojektes Jedem Kind ein Instrument entstehen zunehmend auch Tanzprojekte. Bei den Schulen gibt es ja viele Beispiele wie die berühmte Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die als Schule durch das Theater zum«“, wie es der großartige Visionär Reinhard Kahl nennen würde. Ich kann nur einige wenige Beispiele nennen. In Düsseldorf hat das Goethe-Gymnasium ein Theaterprofil. Momentan herrscht absolutes Theaterfieber bei den gemeinsam mit dem FFT veranstalteten Schülertheatertagen, wo ausgezeichnete Vorstellungen aufgeführt werden. Es gibt Kooperationen zwischen Gymnasien, dem Schauspielhaus, dem Forum Freies Theater, gemeinsame Festivals wie Maulhelden. Es gibt auch ein Gymnasium in Köln, das einen Theaterschwerpunkt hat, das Tanzgymnasium in Essen-Werden und vermutlich ganz viele, die ich noch gar nicht entdeckt habe. Man darf allerdings keineswegs den umgekehrten Weg, d.h. den der Schulen und Schüler ins Theater vergessen. Im Moment besteht die Gefahr, den Fokus zu sehr auf die Sozialarbeit, die pädagogische und manchmal fast therapeutische Arbeit zu legen, die Theater an den Schulen leisten können. Es gibt ausgezeichnete Projekte, bei denen fortlaufende Kurse über Künstler in den Schulen angeboten werden. Allerdings sollte dabei nicht das Kerngeschäft der Kinder- und Jugendtheater aus den Augen gelassen werden, nämlich die Arbeit in ihren Häusern. Der Weg der Schüler ins Theater ist meiner Meinung nach der viel aufregendere Weg. Trotzdem ist Theaterarbeit in der Schule natürlich hochspannend, speziell was diese Art von Zusammenwirken zwischen Lehrern, Schülern und Eltern betrifft und wo man gemeinsam zu einem ganz anderen Zugang zu Themen wie Wissen, Körper oder Selbstbewusstsein vordringt. Dadurch wird auch der Blick für Grundsatzfragen geöffnet, wie in dieser Gesellschaft überhaupt mit Informationen umzugehen ist, wie eine Verbindung zwischen emotionalem und intellektuellem Wissen geschaffen werden kann. Aber man sollte eben auch nicht dieses unglaubliche Erlebnis vergessen, dass ein Theaterbesuch auslösen kann – ein Gefühl, das einen durchgeschüttelt zurück lässt, das einen spüren lässt, etwas erlebt und entdeckt zu haben, dass das eigene Leben prägen wird.

Anfänglich gab es ja Kritik an dem Landesprogramm Kultur und Schule: Es sei an den Kinder- und Jugendtheatern vorbei gegangen und drehe sich vielmehr um die Eigenkreativität und einzelne Künstler. Daneben wurde die unrealistische Finanzierbarkeit kritisiert. Wäre das nicht eine Aufgabe auf kommunaler Ebene und damit ein etwaiges Initiativprojekt Ihrer Einrichtung, den Zusammenhang von wahrnehmender und gestaltender Auseinandersetzung mit Kunst anzuregen, gar Bedarfe zu wecken?

Esch: Sie nennen hier ein ganz wichtiges Stichwort – es gilt tatsächlich auch Bedarfe zu schaffen und nicht nur zu reagieren. Ich würde dieses Mittel eine Art Injektion nennen. Es gibt Motoren, die laufen ganz gut, aber wenn sie mit Injektionen versehen werden, dann laufen sie noch schneller – verbrauchen allerdings auch mehr Benzin. Konkret sollte eine Interaktion zwischen Theaterbesuch und Schule hergestellt werden, wie Bettina Milz es eben auch schon formuliert hat. Wir haben vor zwei Jahren erstmals ein eher kleines Programm gestartet – Immer Theater an der Schule – das wir aufgrund der gemachten Erfahrungen weiterentwickeln. Wir wollen hier einen doppelten Effekt erreichen: Professionelle Theatermacher oder Pädagogen kommen zu Schulen und arbeiten mit den dortigen Klassen projektweise zusammen. Das kann die Entwicklung von Stücken beinhalten, aber auch das Vorbereiten und »Neugierig-machen« auf Besuche in Theaterhäusern. Das hat nun zum einen die Folge, dass die Theater von den Schulen mehr und mehr zu einer solchen Zusammenarbeit motiviert werden, um den theaterpädagogischen Bereich noch stärker zu akzentuieren, d.h. einen Bedarf auf der Theaterseite herstellen. Daneben wird insgesamt eine Sensibilität für Theaterbesuche geschaffen. Es wäre auch hier nicht notwendig, Kinder-, Jugend- und anderes Theater voneinander zu trennen. Ein Beispiel stellt das Auftrittsnetzwerk Favoriten dar: Ein Theaterpädagoge vermittelt zwischen Theatern und Schulen und bereitet Schulklassen auf potenzielle Theaterbesuche vor, sodass dieser doppelte Effekt entsteht. Insgesamt denke ich, dass die unterschiedlichen Theaterbereiche noch mehr verknüpft werden sollten – mit dem gemeinsamen Ziel, Begeisterung und Sensibilisierung für Theaterbesuche zu schaffen.

Kinder- und Jugendtheater braucht Festivals zum Netzwerken

Diese Begeisterung soll auch durch Festivals erreicht werden, die das Land auch mit erheblichen Mitteln unterstützt. Wir erinnern uns an die Traumspiele des Sekretariats, das sich über viele Jahre in Kooperation mit dem ZDF dem Kindermusiktheater gewidmet hat. Jetzt heißen die Festivals Westwind, Spielarten, KinderStücke und z.B. die von Herrn Esch erwähnten Favoriten, Impulse oder Halbstark. Was ist die kulturpolitische Intention, Festivals zu fördern?

Hoffmann: Festivals sind Kristallisationspunkte des Theatergeschehens, denn Künstler und Theater werden hier zusammengeführt. Daneben sind Festivals sehr öffentlichkeitswirksam und lenken die Aufmerksamkeit auf das jeweilige Genre, in diesem Fall das Kinder- und Jugendtheater. Insofern kann man hier verschiedenes miteinander verknüpfen und daraus auch einiges in die Szene zurückgeben. Die Hervorhebung alltäglicher Theaterarbeit, sowie einiger Produktionen stehen im Blickpunkt von Festivals. Einen weiteren wichtigen Faktor im Zuge von Festivals bildet die Möglichkeit des Netzwerkens. Auch daher war das Land immer sehr stark an der Förderung von Festivals interessiert. Das sind übrigens alle keine aufgepfropften Festivals, sondern größtenteils durch die heimische Theaterszene bewerkstelligte Veranstaltungen, die natürlich auch von auswärtigen Theatergruppen auf sinnvolle Art und Weise ergänzt werden können.

Sie sprechen hier von Netzwerken, das heißt vom Austausch und Dialog. Wer tauscht sich hier konkret mit wem aus und mit welchem Ziel? Also welche mittel- und langfristigen Effekte versprechen Sie sich von solchen Zusammenkünften?

Hoffmann: Im Wesentlichen die Theatermacher. Ansonsten muss man hier zwischen den unterschiedlichen Theaterfestivals differenzieren. Das nordrhein-westfälische Theaterfestival ist beispielsweise ein Kristallisationspunkt für die gesamte NRW-Theaterszene überhaupt, mit der Besonderheit, das hier auf allen Ebenen eine sehr enge Zusammenarbeit und kooperative Entscheidungsfindung zwischen der freien und kommunalen Theaterszene stattfindet.
Esch: Immerhin haben die Mülheimer Stücke jetzt einen Kindertheater-Schwerpunkt in ihrem Programm, die KinderStücke. Ich denke, das ist der richtige Weg. Eine Ergänzung noch zu der Wirkung von Festivals, die ich an dem auf immerhin knapp 200.000 Euro budgetierten Festival Halbstark verdeutlichen möchte: Die dort laufenden, für gut befundenen Produktionen werden vom Kultursekretariat den Veranstaltern im Lande so viel wie möglich mithilfe von Fördermitteln angeboten, so dass potenzielle Buchungen erheblich erleichtert werden. So ähnlich machen wir das ja schon seit langem erfolgreich mit dem Auftrittsnetzwerk des OFF-Theaterfestivals Favoriten.

Und wann wird die Ruhrtriennale einen gleichwertigen Kinder- und Jugendtheater-Schwerpunkt bekommen? Bei Jürgen Flimm wurde eine Theaterakademie für Kinder aus der Taufe gehoben. Kommt da noch was?

Hoffmann: Ich glaube, dass es hier keine generelle Antwort gibt und es auf das jeweilige, spezifische Festivalprofil ankommt. Die Ruhrtriennale hängt immer sehr stark von der künstlerischen Leitung ab. Der Sinn besteht auch gerade darin, einer künstlerischen Persönlichkeit die Entscheidungsfreiheit zu geben und sie bestimmen zu lassen, was sie will und was nicht. Die Mülheimer Stücke, ein erfolgreiches Autorenfestival, praktizieren das Prinzip, das beste Autorenstück für Kinder und Jugendliche zu finden. Es ist ein Teil der Stücke mit einer eigenen, ganz pointierten Sparte. Die Triennale ist ein betont herausragender künstlerischer Paukenschlag, in dem das Theater NRW Anschluss an die großen Festivals im europäischen Rahmen finden will. Da könnte sich natürlich auch etwas für das Kinder- und Jugendtheater entwickeln, aber da sollte man abwarten, welche Initiativen hier von unten kommen. Im übrigen gibt es jetzt auch bei den Ruhrfestspielen eigene Kinder- und Jugendtheaterangebote. Es sieht also so aus, dass Festivals die Orientierung auf Kinder- und Jugendtheater aufnehmen.

Der Deutsche Bühnenverein fordert einen Nothilfeprogramm für die Theater und der Deutsche Kulturrat einen Fonds des Bundes zur Rettung der kommunalen Kulturlandschaften. Was halten Sie von solchen Hilferufen?

Milz: Wir sind im Moment natürlich alle damit befasst, Strategien gegen die Auswirkungen der Finanzkrise und der extremen finanzielle Belastung der Kommunen auf die Kulturlandschaft, nicht nur in Nordrhein-Westfalen, zu entwickeln. Alle Kulturausgaben von Ländern, Bund und Kommunen gemeinsam umfassen nur etwa 0,8 % der Gesamtausgaben. Kunst und Kultur können diese Krise nicht lösen. Aber Investitionen in Kreativität und die Lebensqualität der Menschen sind im Sinne einer langfristigen Ökonomie die besten Mittel, um diese Gesellschaft zu stabilisieren. Der Gedanke des Nothilfefonds kommt ja durch den Gedanken: Warum geht das, was für die Banken geht, nicht in einem viel kleineren notwendigen Umfang für das, was unsere Welt nachhaltig prägt und Zukunft möglich macht, nämlich Bildung, Kultur und verbindliche soziale Strukturen? Die Theater- und Orchesterlandschaft hat in dieser Form kein Land der Welt. Museen, Bibliotheken, Kunst- und Musikschulen, soziokulturelle Zentren sind ein Kapital, das wir gemeinsam schützen müssen. Das kann übergangsweise durch einen Fonds gelingen, braucht aber letztendlich die regionale Verankerung und das gemeinsame verantwortliche Handeln von Kommunen, Ländern und dem Bund.

In einer Studie aus den 90er Jahren, die das Kultursekretariat mitfinanziert hat, wurde deutlich, dass insbesondere die Freien Theater den Bedarf an Aufführungen für Kinder und Jugendliche bedienen. Können Sie kulturpolitische Konsequenzen benennen, die sich aus dieser Studie ergeben haben?

Hoffmann: Diese Studie lieferte eine wundervolle Begründung dafür, eben das im Land zu machen, was wir gemacht haben und was wir uns gegenseitig hier so lobend vorhalten können. Die Studie bildet einen Argumentationszusammenhang darüber, warum es gerade wichtig und auch lohnend ist, das Kinder- und Jugendtheater differenziert zu fördern.

Könnten Sie sich ein Programm vorstellen, bei dem die kommunalen und die Landesbühnen, zusammen mit Freien Theatern Produktionen für das Kinder- und Jugendtheater in beiderseitigem Interesse entwickeln?

Hoffmann: Unbedingt. Wir haben ein solches Programm in einem kleinen Umfang, das auch Kinder- und Jugendtheater mit einschließt. Bei diesem Programm gibt es einen Landeszuschuss, wenn ein interessantes Projekt ins Auge gefasst wird. Die einzige Bedingung ist, dass sowohl ein städtisches Theater oder Landestheater und ein Freies Theater eigene künstlerische Beiträge liefert. Es reicht nicht, wenn sich jemand einen Scheinwerfer vom Stadttheater ausleiht, sondern es müssen in der Dramaturgie, Regie oder im schauspielerischen Prozess von beiden Seiten künstlerische Anteile eingebracht werden. Eine solche Kooperation würde vom Land dann mit zusätzlichen Fördermitteln unterstützt werden. Die Aufteilung liegt dann bei den Theatern selbst.
Esch: Das ist z.B. ein sehr guter und wichtiger Förderweg, der von den kommunalen Theatern allerdings erst nach und nach im vollen Umfang ausgeschöpft wird. Der Grund liegt darin, dass die institutionalisierten Theater diesen Förderweg lediglich als ein Nice-to-have über den eigenen Spielplan hinaus ansehen, aber nicht als festen Bestandteil des regulären Spielplans. D.h. das häufig vorgebrachte Argument der Stadttheater, dass sie gar nicht die Mittel und Eigenanteile hätten, um die Fördermittel des Landes so abzurufen, wie sie es gerne täten, zieht insofern nicht, als dass es möglich wäre, eine solche Kooperation als eine von 6 oder 8 Premieren im Jahr anzusehen. Somit könnten sie den Eigenanteil wie jeder anderen Produktion zukommen lassen und die entsprechenden Mittel abrufen. Hier muss also auch in der »Denke« noch einiges passieren, damit solche produktiven Ansätze noch stärker zur Wirkung gelangen.

Sie haben gerade darüber nachdenken lassen: Was sich in der Theaterlandschaft NRW ändern müsste. Zu welchem Ergebnis sind Sie bezogen auf das Kinder- und Jugendtheater gekommen?

Esch: Wir haben auch da nicht getrennt. Es sind bei unserer Düsseldorfer Debatte »Was muss sich ändern? Kommunen in Finanznot, Theater unter Beschuss« mit 100 Machern und Verantwortlichen aus der NRW-Kultur keine getrennten Bereiche wie Musiktheater, Kinder- und Jugendtheater oder auch Freies Theater ausgewiesen worden. Es war ein Aufschlag zu einer notwendigen, zukünftigen Debatte, mit dem Ziel ein Destillat zu entwickeln, das in die weitere Debatte eingegeben werden kann. Dies beinhaltet Fragestellungen auf der Basis unterschiedlicher, z.T. gegensätzlicher Positionen vor allem der Theaterleute selbst. Es geht z.B. um Fragen der Durchlässigkeit, um Fragen der Produktionsweise, der Kooperationsformen, der künstlerischen Ansätze, der verschiedenen, alten und neuen Publika, der Verortung der Theater in der Stadtgesellschaft und vieles mehr. Das sind selbstverständlich alles Fragen, die auch das Kinder- und Jugendtheater betreffen, aber eben auch z.T. das Musiktheater. Wir müssen zunächst diese grundsätzlichen Fragen ohne besondere Rücksicht auf das jeweilige Genre entwickeln, um dann tatsächlich in die Detaildebatte einzusteigen. Dieser allgemeine Aufschlag ist also geschehen und ich denke, dass wir auf dieser Basis weiterkommen werden. Aber es ist eben nur ein Anfang.
Hoffmann: Die Virilität des Kinder- und Jugendtheaters ist unbestritten, aber die eigentliche Arbeit wartet auf uns in Form einer kulturpolitischen Begleitung, die Kinder- und Jugendtheater endlich gleichbedeutend gegenüber dem Erwachsenentheater machen soll. Soweit ist es nämlich noch lange nicht, was z.B. die Bezahlung, das Ansehen oder die Resonanz im Feuilleton betrifft. Es zieht noch nicht so viel öffentliches Bewusstsein auf sich und ich denke, dass der Weg über die Verbindung von Schule, Theater und kultureller Bildung hier Beträchtliches leisten kann.

Frau Milz, Herr Hoffmann, Herr Esch, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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Das Gespräch fand am 23. März 2010 im Jungen Schauspielhaus Düsseldorf statt.

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