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Festivals können kulturpolitische Akzente setzen

(2012)
Christian Esch im Gespräch über die Festivallandschaft der Kinder- und Jugendtheater in NRW
Erschienen in IXYPSILONZETT Ausgabe 4/11

Im Rahmen des Norddeutschen Kinder- und Jugendtheatertreffens »Hart am Wind« in Göttingen veranstaltete die ASSITEJ eine »Werkstatt Festivallandschaft des Kinder- und Jugendtheaters«. Prof. Dr. Wolfgang Schneider moderierte die Eröffnung dieser Debatte mit Beiträgen von Dr. Christian Esch und Christoph Thoma, dem Vorsitzenden der ASSITEJ Austria. Das NRW KULTURsekretariat spielt eine große Rolle als Förderer und Veranstalter von Theaterfestivals in diesem Land.

 

Eckhard Mittelstädt: Festivals zu fördern gehört zur den Schwerpunkten des Programms des Kultursekretariats. Sind angesichts knapper Kassen in den Kommunen, Festivals das Theaterformat der Zukunft?

Dr. Christian Esch: Wir fördern durchaus Festivals und veranstalten auch welche. Aber ich würde es dann doch nicht als Kerngeschäft des Sekretariats sehen. Dafür machen wir eine ganze Reihe von Fördermaßnahmen, die in der Struktur für die Kultur dieses Landes sehr wichtig sind, die eher in die Fläche und in die Vielheit gehen als auf solche Schwerpunkte. Wir machen Festivals wie »Impulse« und unterstützen Festivals mit Auftrittsnetzwerken, nämlich „Favoriten“ das Festival der Freien Theater NRWs in Dortmund und eben auch das relativ neue Festival „halbstark“, das jetzt zum zweiten Mal in Münster veranstaltet wird.
Festivals sind sicherlich nicht die Zukunft, wenn man sie aus dem Boden sprießen lässt, ohne nachzuschauen, was da genau entsteht. Festivals sind sicherlich auch keine Alternative zur regulären Förderung und Aufrechterhaltung von Kunst- und Kulturbetrieben. Aber Festivals können eine wichtige Akzentsetzung bedeuten und können damit auch die Landschaft um diese Festivals herum und die reguläre Kulturförderung unterstützen. Allerdings muss man sehr genau hinschauen, unter welchen Umständen das möglich ist.

Eckhard Mittelstädt: Wie lässt sich die Struktur der Theaterfestivals in NRW beschreiben? Gibt es Treffen für die Fachwelt und reine Publikumsfestivals oder wird eine Mischung versucht? Gibt es eine Gesamtkonzeption für die Festivallandschaft in NRW, die ja eine sehr reichhaltige ist?

Dr. Christian Esch:
Eine Gesamtkonzeption der Festivallandschaft in NRW kann es nicht geben, weil dieses Land in besonderer Weise aufgestellt ist und mit seinen vielen Städten, mit seinen dezentralen oder konzentrischen Strukturen, weswegen es ja auch das Kultursekretariat als Verbund der großen Städte in diesem Bundesland überhaupt gibt. Da würde eine zentrale Planung gar nicht funktionieren.
Aber es gibt natürlich Festivals, die eher für die Fachwelt sind, wenn ich z.B. an das Theatertreffen NRW denke oder vielleicht auch »Westwind« für Kinder- und Jugendtheater. Es gibt aber auch solche, die beides tun. Natürlich richten sich alle auch an das breite Publikum, aber man kann vielleicht solche Schwerpunkte herausarbeiten, wie ich es gerade getan habe. Es gibt andere, wie beispielsweise unsere »Impulse«, die eben eine ganz bestimmte Theaterlandschaft unterstützen, jenseits der sogenannten etablierten Häuser und damit auch ein anderes Publikum ansprechen als das »reguläre« Theaterfestivals tun. Und dann wird natürlich auch immer wieder eine Mischung versucht: Mal liegt der Schwerpunkt stärker auf einer Publikumsansprache im Allgemeinen wie bei den Ruhrfestspielen, die doch an ein sehr breites Publikum gerichtet sind, und mit weniger überraschenden Strategien an das Festival herangehen. Und eben solche, die das Muntere und Besondere im Auge haben. Da würde ich auf jeden Fall die »Impulse« dazuzählen und eben auch dieses Festival »Halbstark« in Münster, das sich an eine spezielle Altersgruppe richtet.

Eckhard Mittelstädt: Wie passen sich denn solche Festivals in diese Landschaft ein? Gibt es Bestrebungen, stärker mit den Festivals der Erwachsenentheater zusammenzuarbeiten und gemeinsam zu suchen oder sind die Überschneidungen aus Ihrer Sicht eher zu vernachlässigen?

Dr. Christian Esch: Ich denke, dass da die Entstehung einer Zusammenarbeit in Richtung Erwachsenentheater nach meiner Wahrnehmung bei den Festivals für junges Publikum nicht im Vordergrund steht. Andererseits glaube ich, dass gutes Kinder- und Jugendtheater automatisch auch gutes Erwachsenentheater ist. Die Trennung existiert und die Überschneidungen spielen keine große Rolle in der Planung. Jugend-, Kinder- und Erwachsenentheater sind eigentlich nur äußerlich zu trennende, inhaltlich aber doch sehr eng zusammenhängende Dinge. Trotzdem will man bei den Festivals gerade die Grenzen etwas klarer ziehen und damit Profile schaffen, wodurch diese Überschneidungen nicht so im Vordergrund stehen.

Eckhard Mittelstädt: Sie plädieren also nicht dafür, zu überschneiden sondern sich auf etwas zu konzentrieren? Gleichwohl gab es und gibt es bei »Impulse« oder auch bei »Favoriten«, also traditionell durchaus Festivals für erwachsenes Publikum, auch die eine oder andere Kindertheaterinszenierung.

Dr. Christian Esch: Die Frage war aber andersherum gestellt. So herum natürlich schon – da haben Sie Recht! Ich habe Ihre Frage so verstanden, in wieweit Kinder- und Jugendtheater stärker mit Erwachsenentheatern zusammenarbeiten und da sage ich, sehe ich wenige Überschneidungen. Was das andere angeht: Bei »Impulse«, »Favoriten« oder den »Stücken« ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, dass Kinder- und Jugendtheater neben dem sogenannten Erwachsenentheater dort gezeigt werden.

Eckhard Mittelstädt: Ja, die Frage war an und für sich in beide Richtungen gestellt. Im Bereich des Kindertheaters ist das Kultursekretariat traditionell sehr stark engagiert zu nennen. Ist die Reihe „Kindertheater des Monats“ eine Chance, in Anbetracht klammer, kommunaler Kassen etwas für die Kinder im Lande zu tun? Oder hat sich diese Reihe ein bisschen überlebt?

Dr. Christian Esch:
Das würde ich nicht sagen. Man muss sie natürlich immer weiter entwickeln. Gerade im Moment sehen wir, dass die Veranstalter in den Städten sowie die Städte selbst weniger Mittel haben und deswegen auch immer weniger einladen können, obwohl wir unsere Förderung vor einigen Jahren deutlich von 40 auf 50 Prozent erhöht haben. Gerade die Stadttheater haben ihre Aktivitäten für Kinder und Jugendliche in den vergangenen zehn Jahren erheblich verstärkt. Deshalb geht das Publikum eben stärker in diese Häuser, und die Veranstalter von Kinder- und Jugendtheater jenseits dieser großen Häuser haben noch mehr Schwierigkeiten mit der Finanzierung. Mit dem bloßen Erhöhen unseres Anteils kann das nur zum Teil aufgefangen werden. Wir sind mit den Veranstaltern in einem ständigen Dialog. Wir wollen auch größere Besetzungen anbieten, damit nicht diese Ein- oder Zwei-Personen-Stücke, die ja aus finanziellen und organisatorischen Gründen inzwischen ganz klar die Mehrheit sind, ausschließlich vorkommen. Unter anderem deswegen machen wir das »Halbstark«-Festival, weil wir dort größere Produktionen einladen, und die wiederum kommen dann zum Teil in ein Auftrittsnetzwerk, womit wir dann vielen Veranstaltern im Lande ermöglichen, solche Produktionen zu sehr guten Konditionen zu buchen. Das sind unsere Möglichkeiten, strukturbildend zu arbeiten und Effekte von Festivals für viele zugänglich zu machen. Bei unseren 21 Mitgliedsstädten ist es eine ganz natürliche Vernetzungsaktivität, die wir auch auf diesem Gebiet betreiben.

Eckhard Mittelstädt: Funktioniert das denn bei »Halbstark« schon?

Dr. Christian Esch: »Halbstark« läuft schon zum zweiten Mal. Und es läuft dieses Mal noch einmal besser, denn ein Festival muss sich etablieren, den Veranstaltern im Lande bekannt gemacht werden. Das haben wir jetzt im Vorfeld des kommenden Festivals deutlich intensiviert. Wir arbeiten auch mit den Konferenzen der Veranstalter zusammen und mit dem »Kindertheater des Monats«. Davon erwarten wir uns, dass auch dieses Aufführungsnetzwerk größere Aufmerksamkeit als beim ersten Mal erzielen kann.

Eckhard Mittelstädt: Gibt es eine Vorstellung, in welche Richtung Sie die Festivallandschaft als Kultursekretariat gerne entwickeln würden? Oder Tendenzen, denen Sie langfristig entgegensteuern wollen?

Dr. Christian Esch: Es gibt ja Hunderte von Festivals, wenn man so durch die ganzen Sparten geht in Nordrhein-Westfalen, und es ist offensichtlich, dass immer noch mehr Festivals oder eine überbordende Anzahl von Festivals sicher nicht die einzige denkbare Zukunft sind für eine Kulturlandschaft.
Wir müssen uns fragen, wie viele Festivals können wir und wollen wir verkraften? Sind diese Festivals einmalige Ereignisse oder wirken sie in die Landschaft hinein? Und wir als Kultursekretariat versuchen nun, mit unseren Aktivitäten die Akzente so zu setzen, dass Effekte für die Kulturszene entstehen. Wenn ich zum Beispiel an die Förderung der Freien Szene denke, dann ist natürlich so ein Festival wie »Impulse« mit den internationalen Dimensionen ganz wichtig, um das Thema Freies Theater nach vorne zu bringen, um auch als Alternative zum Berliner Theatertreffen ganz andere Formen des Theatermachens zu zeigen. Das funktioniert. Man sieht das ja an dem Theatertreffen: Es gibt dort immer mehr Freies Theater. Wie auch immer: Wir haben es damit mit anderen geschafft und wollen es auch weiter schaffen, die freie Szene in den Mittelpunkt zu rücken und deren Möglichkeiten und Interventionen auch im öffentlichen Raum und in der Gesellschaft deutlich zu machen! »Favoriten« ist ein anderes Beispiel. Da multiplizieren wir Effekte des Festivals für das ganze Land und darüber hinaus und machen damit die freie Theaterszene in Nordrhein-Westfalen lebendiger und hoffentlich auch über die Landesgrenzen hinaus bekannter und wirksamer.

Das Interview ist erschienen in IXYPSILONZETT, Ausgabe 03.2012

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