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Verändere sich wer kann!

(2013)
- Perspektiven der Theaterlandschaft NRW
Erschienen in Theater der Zeit 2/2013

Wer heute etwas über die vielerorts schwierige Situation der Theater in NRW sagen soll, hat zunächst ein Problem: Es scheint alles gesagt worden zu sein, und zwar von fast jedem. Zu lange schon schlägt der sogenannte Strukturwandel in den Ballungsgebieten zu, mit den bekannten sozialen und kulturellen Folgen, die nicht nur im Ruhrgebiet zu besichtigen sind. In Oberhausen und Hagen wird allerdings mit besonderer Regelmäßigkeit die Zukunft der Theater verhandelt, das Wuppertaler Schauspielhaus wird endgültig geschlossen, am Niederrhein ist die lang gewachsene Theaterehe Krefeld/Mönchengladbach noch immer gefährdet, während in Münster dem neuen Intendanten zum Einstand massive Kürzungen zugemutet wurden. Auch Bonn, Köln und Düsseldorf bis hin zu Duisburg schaffen es immer wieder in die Schlagzeilen, ob mit dem angedrohten Ausstieg Duisburgs aus der Liaison mit Düsseldorf oder zuletzt mit windigen Fusionsballons in Köln und Bonn.

Dieser oberflächliche Blick auf die Gemengelage in der Theaterlandschaft NRW zeigt zweierlei: Die betriebsame Ratlosigkeit der Politik, vor allem aber die tiefe systemische Wirkung der Finanzkrise, die in der Lebenswirklichkeit der Kommunen zu den größten, weil spürbarsten Verwerfungen führt, bis hin zur Spaltung der Bevölkerung nicht nur in arm und reich. Auch die Kanibalisierung beginnt Urstände zu feiern, wenn – wie in Bonn – der Sport als der eine Empfänger sogenannter freiwilliger Leistungen gegen den anderen  Empfänger, die Kultur, auf die Straße geht, um mehr Mittel für sich zu reklamieren.

Tatsächlich dürfte sich die Situation der Theater, sowie der Kultur insgesamt, noch weiter verschärfen, ist doch die kommunale Finanzkrise als Ursache der Verwerfungen nur der Ausdruck einer Entwicklung, die in unterschiedlichster Weise längst an die Substanz geht und zur Verarmung im Sozialen wie eben auch in den Bereichen Bildung, Kunst und Kultur führt. Dazu beigetragen hat, als Kollateralschaden eines wichtigen Landes-Hilfsprojektes für die Kommunen, der »Stärkungspakt Stadtfinanzen«, mit dem die Städte für die mögliche Sanierung ihrer Haushalte durch Landesmittel belohnt werden, für Kürzungen also, die bekanntlich besonders an den freiwilligen Ausgaben ansetzen und damit auch an der Kultur.

Ein anderer Pakt, der »Theaterpakt«, konnte die Lage der Theater erwartungsgemäß nur sehr kurzfristig stabilisieren. Immerhin jedoch hat damit zum ersten Mal das Land NRW die überfällige Teilverantwortung für die kommunalen Theater übernommen: Ihnen werden zusammen mit den kommunalen Orchestern jetzt jährlich viereinhalb Millionen Euro als Betriebskostenzuschuss zugewiesen. Obwohl das immer noch weitaus weniger ist als in den anderen Bundesländern, wurde doch ein Paradigmenwechsel in NRW erreicht, und so gibt es nun wenigstens  mehr Landesmittel für kommunale Kulturaufgaben. Auch für die freien Theater gab es mehr Mittel, die aber, anders als das Geld des Theaterpakts, nicht auf Jährlichkeit angelegt sind – Zukunft ungewiss. Mit der Verteilung der Mittel wurden aber wichtige Strukturfragen vertagt, die durch den im
NRW KULTURsekretariat initiierten und vom Städtetag NRW formulierten Theaterpakt berührt worden waren. Ein Teil der neuen Landesmittel sollte nämlich in einen »Innovationsfonds« fließen zur Verankerung von Kooperationen und Austausch zwischen den Häusern. Daraus ist erst einmal nichts geworden. Und auch die aus dem Pakt hervorgegangene Landesinitiative »Theaterkonferenz NRW« hat bisher, ohne die Mitwirkung und Berücksichtigung der freien Szene, wenig zur notwendigen Weiterentwicklung der Theaterlandschaft beigetragen.

Dabei wäre die Einbeziehung der unterschiedlichen Theater- und Produktionsformen, von den kommunalen Theatern über die freien Theater bis hin zu den Landestheatern ebenso fällig wie die Stärkung der von einigen Theatern durchaus umgesetzten Kooperationsansätze. Solche Zusammenhänge und Verbindungen anzuschieben und zu verstärken, ist jedoch unabdingbar, jetzt, da die systemischen Ursachen und vor allem Wirkungen der Finanzkrise unübersehbar werden. Diese im Gespräch mit den Beteiligten zu moderierende Steuerung, die auch überkommene Produktionsbedingungen in den Blick nehmen muss, sollte daher nun unbedingt vorangetrieben werden. Das gilt erst recht jetzt, wo der Rückzug der Kommunen besonders von ihren angeblich freiwilligen, aber doch notwendigen Aufgaben weiter voranschreitet und wo außerdem, entgegen bisherigen Festlegungen, massive Kürzungen der ohnehin spärlichen Kulturfördermittel des Landes drohen. So stehen jetzt beide Säulen der Kulturförderung in NRW auf tönernen Füßen und wanken bedenklich: die knapp achtzig Prozent der Kommunen und die gut zwanzig des Landes NRW. Werden Strukturfragen nicht offen und mit Nachdruck auch auf Landesebene diskutiert, sind weitere scheibchenweise oder vollständige Schließungen von kommunalen Theatern vorprogrammiert. Alles spricht also dafür, dass der Versuch misslingen würde, mit immer mehr Mitteln ein institutionelles System zu stabilisieren, das erkennbar an seine Grenzen gelangt ist. Aber auch die freien Produktionen und ihre Qualität sind gefährdet. Selbst die Zukunft der Biennale des freien Theaters »Impulse« ist fraglich und damit die Fortexistenz eines von gleich mehreren Städten in NRW bestrittenen Festivals, das ganz besonders für Vernetzung und Kooperation steht, auch über NRW hinaus.

Manche Theater scheinen mit der Bereitschaft zu Kooperationen und zu veränderten Produktionsformen weiter zu sein als Politik und Verbände. Das wurde in zwei Theaterdebatten der letzten Jahre mit zahlreichen Vertretern von Theatern, Politik und Verwaltung deutlich, nach-zulesen in einem gemeinsamen Papier, das wichtige Fragen stellt und Teilantworten gibt (nrw-kultur.de/theaterdebatte). Manches davon passiert schon jetzt: Von der Kooperation des Theaters Oberhausen und des Ringlokschuppens Mülheim über die lange schon wegweisende Arbeitsweise des Theaters an der Ruhr bis hin zur Planung der Theater Dortmund, Düsseldorf und Bonn, jeweils eine gemeinsam auf den Weg gebrachte Inszenierung zu adaptieren. Das sind Beispiele für intelligente und anspruchsvolle Theaterarbeit jenseits des Prokrustesbettes eingefahrener Strategien, die zeigen: gefragt ist Pragmatik. Dabei steht der unmittelbare finanzielle Mehrwert nicht einmal im Vordergrund. So hat ein Gutachten (nrw-kultur.de/theatergutachten) kürzlich nicht zum ersten Mal nachgewiesen, dass Kooperationen kurzfristig keine Einsparungen erwarten lassen. Gemeinsame Aktivitäten im Bereich Werbung und Marketing sind aber besonders sinnvoll. Sie können, nach mehr Aufwand zu Beginn, à la longue zu mehr Aufmerksamkeit und Publikum führen und also auch zu mehr Einnahmen. Und so gibt es jetzt eine Initiative der Ruhrgebiets¬häuser, ein solches gemeinsames Marketing ins Leben zu rufen, allerdings unter zwei Voraussetzungen: Die einzelnen Profile werden nicht ersetzt, sondern kooperativ ergänzt und es braucht zunächst die finanzielle Unterstützung aus Nachfolgemitteln der Kulturhauptstadt.

Wie in der Kunst und Kultur insgesamt, so kann es auch bei neuen Modellen der Zusammenarbeit und des Austauschs nicht in erster Linie um kurzfristige finanzielle Einspareffekte gehen, so wichtig sie auf Dauer sind. Vielmehr sollten gemeinsame Projekte und Strategien zwischen den Kommunen, aber auch zwischen Produzenten mit unterschiedlichen Arbeitsweisen die Basis für langfristiges vernetztes Agieren schaffen. Denn erst durch das Einüben solcher Zusammenarbeit können auf mittlere Sicht Kooperationsräume entstehen, mit strukturbildenden Perspektiven und ohne Substanzverlust.

Mit der in den letzten Jahren zwischen Land und Kommunen entstandenen Theaterkonferenz ist ein geeignetes Forum für solche Prozesse schon vorhanden, jedenfalls sofern alle Theaterformen einbezogen werden. In diesem Rahmen sollte, wie ursprünglich mit dem Theaterpakt vorgeschlagen, das Sichern der Substanz einerseits sowie andererseits das Denken jenseits von überkommenen Strukturen entwickelt werden. Obwohl oder gerade wegen der schlechten finanziellen Aussichten muss die Bereitschaft zur substanzerhaltenden Transformation bestehender Strukturen weiter wachsen: Wie dies zu geschehen hätte, das herauszuarbeiten muss die kulturpolitische Agenda der nächsten Zeit wesentlich mitbestimmen. Die Erkenntnis, dass die kulturelle Substanz nur durch Veränderung gesichert werden kann, ist ganz bestimmt nicht neu. Sie muss aber ernst genommen werden – nicht nur in Nordrhein-Westfalen.

Der Text ist erschienen in Theater der Zeit, Ausgabe 02.2013

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