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Piep, piep, piep: Normenkonform ins Glück

(2013)
»Voropfer« vor VA Wölfls Chor(e)ografie »SACRE DU PRINTEMPS+&Du«, 22.11.2013


Meine Damen und Herren, liebes Publikum, das ist eine kleine Polemik, gemein, einseitig, kontrovers und ganz ungerecht. Es wird also manches geopfert. Das gehört sich aber so, heute Abend.

Vor wenigen Monaten, die verheerende Flut in Süd- und Ostdeutschland wich langsam zurück, da ließ sich eine kraftvolle Politikerinnenstimme aus dem Westen folgendermaßen vernehmen:

Wie oft ist schon geredet und geschrieben worden über eine Gesellschaft von Individualisten, in der sich jeder selbst der Nächste ist? Aber das Hochwasser hat etwas anderes bewirkt, nämlich eine Welle der Solidarität und der Hilfsbereitschaft in ganz Deutschland.

Meine Damen und Herren, das ist eine interessante Bemerkung, gerade weil sie, von maßgeblicher Politikerseite gesprochen, so beiläufig daherkommt. Hier spricht sich mehr als ein Verdacht aus. Hier wird kurz und knapp der biederen Gewissheit Ausdruck verliehen, eine »Gesellschaft der Individuen« sei schlecht und stehe deshalb dammbräsig einer - zum Hochwasser passenden - Welle der Solidarität entgegen.

Individualismus wird hier schier als Schimpfwort verwendet. Und als Bedrohung gesehen. Fragt sich: Als Bedrohung gegen was eigentlich? Wahrscheinlich gegen jegliche als Renegatentum zu brandmarkende Abweichung.

Obwohl, was heißt brandmarken: Lieber schweigen wir das Ungehörige einfach weg und räumen sie auf diese Weise aus dem Weg, diese umgehend einzuebnende Dammkrone gegen die erwünschte Welle der Solidarität und des Wohlgefühls, eines Konsenses, der sich kosend und wogend über alles legt, vieles wegschwemmt und verschluckt, was diesem normativen Konsens gar noch individuell im Wege steht. Die Welle und Du, möchte man an diesem Ort hier sagen.

Unter dieser ebenso anpassungsfähig schmiegsamen wie erbarmungslos aushöhlenden Decke, diesem Wasserspiegel des Einvernehmens ist schon viel begraben worden.

Nehmen wir – gleich ganz böse – das Rauchen. Reden wir nicht von Paradoxen wie durchgängig rauchfreien Kneipen oder ausgerechnet gelb markierten Sonderzonen auf jedem Bahnhof. Während andererseits die Tabaksteuern zu einer wichtigen Einnahmequelle des so verantwortungsvoll umsorgenden Staates gehören und während außerdem Kohlekraftwerke unter Artenschutz gestellt werden. »Good bye and take care«.

Nein, viel lieber reden wir davon, dass die Gegenwart und also wir einfach immer schöner, gesünder werden, ob wir nun individuell wollen oder nicht.
Alles wird richtiger und gerechter, selbstgerechter geradezu. Nicht nur auf dem Bahnhof, wo man genau den nur noch versteht, sondern auch in der Kunst- und Kulturproduktion.

So muss entsprechend den perfekten, glückverheißenden Standards Lucky Luke jetzt eben ohne Zigarette auskommen. Vor gar nicht so langer Zeit, wurde aus einem Künstlerfoto – ich glaube es war das von Marcel Duchamp – die Zigarette heraus retouchiert, bevor es reproduziert werden durfte. Jetzt lebt er immerhin posthum viel gesünder, und uns geht´s auch gleich viel besser.

Wie auch den Kindern, die nicht mehr unweigerlich zu Skinheads und Rassisten werden müssen, weil Pipi Langstrumpf jetzt keinen Negerkönig mehr als Vater hat, sondern einen Südseekönig. Auch Literatur wird also nachträglich unserem herrlich aufgeklärten Standard angepasst, da können wir uns gleich an den desinfizierten Händen nehmen – nicht, dass wir uns etwas Böses einfangen! -und einen geläuterten Naturvolkstanz ausführen, voll authentisch irgendwie.  wenn auch natürlich lieber im Ungefähren und Ungefährdeten, klimatisiert und keimfrei.

Wir kuscheln uns aneinander und keiner hat etwas zu fürchten. Und keine natürlich auch nicht, schulligung. Da hätte ich doch beinahe etwas vergeigt oder wäre gar aus der Reihe getanzt.

Also, nochmal richtig und gerechter: Kein Bürger kommt mehr in einem Atemzug ohne Bürgerin aus, einige Vereine haben schon Mitglieder und Mitgliederinnen, »Abgeordnetin« habe ich auch schon gehört. Wie lange die Krankenschwester noch ohne Krankenbruder auskommt, das die Frage.

Aber da kann man zuversichtlich sein im Sinne der alten Wahrheit: »Es genügt nicht, nur keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszusprechen.«

So durchdrungen und beseelt scheint man hierzulande von der Mission der korrekten Sprachgestaltung zu sein, dass sogar das englische gleich mit eingenormt wird. Spricht man von Manpower, wird eilig Womanpower hinzugefügt, wohl in der Hoffnung, dass der rückständige Angelsachse samt -sächsin bald aufhört, einfach Mankind zu sagen, statt gefälligst mit Womankind auch der anderen Hälfte der Menschheit Genüge zu tun.

Dass gleichzeitig vielerorts die Gleichberechtigung noch immer eher Wunsch als Wirklichkeit ist, stört da kaum. Hauptsache, die zum Wohle der Allgemeinheit regulierte Sprache kommt technokratisch-korrekt zur alles beruhigenden Geltung.

»Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage«, hols der Teufel. – Oder Mephisto. Egal. Wer A sagt, muss B sagen, wer Mann sagt, muss Frau sagen, Ausgleich und Rücksicht muss sein – die nur männliche, die nur weibliche Form wäre zu einseitig, würde nicht alle berücksichtigen und wäre schlicht zu individuell gesprochen.

Eingangs war von einer Gesellschaft von Individualisten die Rede, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Individualismus und Egoismus, so lernen wir daraus, ist das Gleiche. Eintauchen und sich einfrieden im handwarmen Miteinander des wenn nicht Gleichen so doch Ähnlichen, das wär´s:

»Oh, dass wir unsere Ur-Urahnen wären, ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor«. Wie vor exakt 100 Jahren, als das geschrieben wurde, zieht es uns ins wohlig Bereitete, weist die verborgene Sehnsucht in wohltemperierte Fluten. Muss ja nicht gleich Hochwasser sein!

So kann uns also nichts mehr passieren, alles ist gesichert. Den Krieg, die Not, die haben wir nicht nötig, die gibt’s anderswo genug, da, wo wir sie hinschaffen und nicht mehr sehen müssen. In unserer schönen neuen Welt rauchen wir eigentlich gar nicht, es scheint höchstens so, und fürs Abtauchen in den Untergrund bzw. das Austreten vor die Kneipentür werden wir durch konsensuellen Wohlgefallen belohnt.

Und mehr noch: wir bleiben ewig gesund; »take care«, und im Kopf geht s auch möglichst sauber und verlässlich zu: Jedenfalls, solange wir unseren Lieben, und piep, piep, lieb haben wir uns ja, nur Vorsortiertes zumuten und also die Literatur lesen, die auf die Höhe unsere Zeit heraufkorrigiert wurde.

Immerhin: so werden wir zu guten Menschen. Und lassen nicht auch nur den Hauch eines Verdachts zu, dass wir nicht alle gleich lieb haben, Mann und Frau, und wehe einer stört uns in diesem Gefühl der allumfassenden fürsorglichen Belagerung durch das Schöne, Gute, Wahre , das wir aber bitte auf das wirkliche Leben beschränkt sehen wollen, als schönen Body, gute Absicht und wahres Bares. Die Axt im gefrorenen Meer des Inneren, sie machen wir zur Fliegenpatsche, um zu beseitigen, was die Erstarrung in Gewissheit aufstören, unsere schlafwandlerische Rund-um-Sicherheit gefährden könnte.

Aber war doch noch etwas anderes, fast vergessen: Stimmt der Tod! Ja, auch der wird vergesellschaftet und exportiert. Geopfert wird nämlich immer der andere – und die andere, natürlich, Sacre!

Meine Damen und Herren!

Jeder hat seinen eigenen Tod? Da könnte ja jeder kommen. Nicht mit uns! Den Störfaktor haben wir artig ausgelagert, hinaus in die weite Welt, vor unsere Küsten und Gestaden, da wo der frische Wind weht, den wir doch so brauchen. Dann riecht´s auch nicht so streng für unsere verfeinerten Nasen. Weg damit! Übrigens: warum heißt es eigentlich der Tod? Das müssten wir vielleicht auch noch regeln. Um ganz sicher zu gehen.

Sicher? Trotzdem zieht wie Melodien durch unser Gemüt, – oder besser: wie Analogien, – was 1910 einer hellsichtig geschrieben hat:

»Der Wunsch, einen eigenen Tod zu haben, wird immer seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben.«

Es folgte der Krieg. Jetzt geht es um andere Opfer.

rechts: © Sven Pacher
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